Der Seminarbesuch

Von einem der auszog, das R/3 prüfen zu lernen ...

Was sind Testate für Standardsoftware wert? Kleine Zusätze wie "... ermöglicht bei sachgerechter Anwendung eine den Ordnungsmäßigkeitsgrundsätzen entsprechende Buchführung" bedeuten für ein parametrisierbares Software-Ungeheuer nur, dass die Version vor dem Customizing vielleicht diesen Anforderungen entspricht, aber danach?

Weil vor Mitte 96 kein R/3-Prüfleitfaden vorliegen wird, machen wir uns nun selbst nach MEKKA (Walldorf) auf. Erwartung: Insider-Infos zu R(iesen-System)/3-Schwachstellen. Der Revisionskurs FI-900 wird gebucht trotz der Hürde, das System vorher nicht gekauft zu haben. Wenige Wochen später die Bestätigung: Fehlende Infos zu Hotels oder Anreisemöglichkeiten nimmt man der Weltfirma nicht übel. Jeder kennt ja Walldorf (auch wenn man persönlich noch nicht da war) und als erfahrener Surfer auf der Datenautobahn ist man trainiert, mit T-Online oder Internet verzwickteste Streckenführungen per Bahn, Lufthansa oder entlegenem Verkehrsbetrieb auszuarbeiten. In Sekunden liegt der Reiseplan nach Walldorf vor, Ziel der Pilgerfahrt und Sitz der mächtigen SAP.

Kurze Freude am Bahnhof Walldorf: ein verschlafener Ort, ideal für Schulungen. Der indische Taxifahrer lacht fröhlich, als er das Ziel erfährt: Walldorf SAP? HaHa, ist weit weg, 100 km südlich. Er kennt sich aus: Fahrzeit von Walldorf nach Walldorf, mit und ohne Stau, Festpreis. Für schlappe 230,- DM sind wir on the road mit quälenden Selbstzweifeln: war man mit seinem Vertrauen in die geliebten Medien einfach zu blöd? Schließlich wusste man doch, dass MEKKA in Walldorf (Baden) und nicht in Walldorf (Hessen) liegt, oder? Aber dass die Bahn weder das "richtige" Walldorf noch "SAP" als Zielort kennt!? Darf so dumm sein, wer R/3 prüfen will? Trost vom freundlichen Inder: Er fährt die Strecke oft. Gut fürs EGO, noch besser fürs EGO erst später zu erfahren, dass andere die Strecke für lumpige 200,- DM fahren.

Nach rasanten 45 Taximinuten: MEKKA. Viel leeres Gelände, ein riesiger Tempel, wir sind da! Trotz missbilligenden Blicks des Referenten holt sich der (vom Leben für heute genug bestrafte) Zuspätgekommene Kursunterlagen. Das beliebte Ritual, sich und seine Erwartungen vorzustellen, läuft noch. Jemand beschwert sich über den Referenten-Hinweis, ein "technischer" Kurs für DV-Revisoren werde erst 96 stattfinden. Welch ein Tag! Wer wagt da zu fragen, wo das in der Kursankündigung steht und warum man nun hier ist?

Danach volle Aufmerksamkeit im Kurs: das richtige für Prüfer, die immer schon von R/3-Vorzügen erfahren wollten. Man lernt, Pulldown-Menü heißt hier Rollo und will das fast immer verfügbare R/3 richtig quälen: Die variantenreiche Oberfläche, mal mit, mal ohne Listbox oder (un-)verständliche Fehlermeldung kehrt das Verhältnis Quäler-Gequälter bald um: soll mit 3.0 alles besser werden. Nur nicht an Quicken denken, das heute schon für 99,- DM einheitlich ist! Zweifel plagen den Prüfer, als er für Kanada problemlos DM als Landeswährung einrichtet oder der eigene Abap nur durch Down- und Upload so mutiert, dass sich numerische Felder verhundertfachen. Selbst der Referent, von fundamentalistischem Glauben an sein System geprägt, muss nach hartnäckig behauptetem "Bedienerfehler" zuletzt einen Softwarefehler zugeben. Wir hören nie wieder davon.

Tagesende: Der Shuttlebus zum Hotel fährt vollbesetzt davon. Nach 20 Minuten bei 0 Grad C geht es ab in den mit SAP-Jüngern bevölkerten Ort. Rush Hour fast wie am Mittleren Ring in München. Aus 10 Fahrminuten werden 45 bei Glätte und querliegenden Kursteilnehmern im vollen Kleinbus. Einer sinniert über Kamele, auf denen hier alle wieder reiten werden, wenn erst das Öl alle ist.

Abenteuer pur, auch die sofortige, vorsorgliche Organisation der Rückreise. Der "richtige" Bahnhof Wiesloch-Walldorf ist zugeknöpft: Kein Fahrkartenverkauf nach 17:00 Uhr! Aushang: Teuerste Automatenfahrkarte kaufen und im Zug beim Schaffner verrechnen. Mit R/3-Unterstützung!? In dieser Nacht Alpträume: Alte, verschlungene Assembler-Routinen, die aus Gräbern auferstehen und als bleiche Zombies im Gewand modernster Standardsoftware in wehrlose Unternehmen eindringen...

Am nächsten Morgen warnt ein Aushang im Kursraum: Vor dem Schulungszentrum versuchen Agenten einer Scientologie-zugehörigen Firma AMK, Teilnehmer in kostspielige Seminare zu locken. Auf der umsteigereichen Rückfahrt geht dem Prüfer die Warnung nicht aus dem Sinn. Warum lauern die Agenten gerade dort? Sind R-Kursteilnehmer leichte Beute? Schwächt fundamentalistischer Glaube doch die Widerstandskraft? Fragen über Fragen! Was bleibt ist die Erkenntnis: Vorsicht vor Prüfern mit solchen Kursen, vor Testaten und Dreibuchstabenfirmen...

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